Gerhard H. Waldherr

Albert Ernst Graf von Wartenberg (1635-1715):
Weihbischof und 'erfarner der apostolischen antiquiteten'

Leben und kirchliche Karriere
Wartenberg als Historiograph
Der Weihbischof als Bodenforscher
Apostolisches Regensburg


Leben und kirchliche Karriere

Albert oder auch Albrecht - beide Namensformen werden wechselweise gebraucht - Ernst Graf von Wartenberg wurde am 22. Juli des Jahres 1635 - somit während der Wirren des 30jährigen Krieges - geboren. Er war ein bairischer Prinz, auch wenn man ihm, wie Roman Zirngibl schreibt, "diese Ehre wegen einer mütterlichen Makel seines Herrn Vaters zu seiner Zeiten zwar absprach". Dieser Vater, Ernst Benno von Wartenberg entstammte als eines von insgesamt 16 Kindern der Ehe des zweitgeborenen Sohn Albrechts V. von Bayern, Herzog Ferdinands, mit Maria Pettenbeck. Die Großmutter Albert Ernsts, war nur die Tochter des Landrichters, Kastners und Landhauptmanns zu Haag am Inn, Georg Pettenbeck. Ihre Verbindung mit dem Herzogssohn demnach nicht ebenbürtig. Deswegen hatten sich die beiden Herzogsbrüder Wilhelm V. und Ferdinand 1588 dahingehend geeinigt, daß die Nachkommen Ferdinands sich mit dem einfachen Adelstitel begnügen sollten.

Als Hochzeitsgeschenk gab Wilhelm V. seinem Bruder die erst kürzlich an Bayern gekommene Grafschaft Haag, die Heimat von dessen Frau Maria. Außerdem erhielt Ferdinand Schloß und Gut Wartenberg (bei Freising), nach dem sich die Nachkommen bis zum Erlöschen der Linie 1736, als der letzte männliche Wartenberger auf der Ritterakademie zu Ettal tödlich verunglückte, auch benannten.

Trotz der herzoglich-wittelsbachischen Abstammung meinte es das Schicksal nicht besonders gut mit Ferdinand, und der Herzogssohn mußte sich bis zu seinem Lebensende um das Auskommen seiner vielköpfigen Familie sorgen. Als er am 30. Januar 1608 verstarb, hinterließ er seiner Frau Maria zehn unmündige Kinder und einen Berg Schulden. Für ihre vielen Kinder erhielt die Witwe insgesamt jährlich nur 266 Gulden aus der Hofkasse. Bei dieser schlechten Vermögenslage bot sich zur Versorgung der Kinder der geistliche Stand geradezu an. Und so nahmen auch alle fünf Töchter, die den Vater überlebten, den Schleier. Von den Söhnen trat Maximilian 1619 dem Jesuitenorden bei, Albert starb 1620 mit 19 Jahren an den Folgen des Winterfeldzuges nach Böhmen. Der jüngste Sohn Ferdinand Lorenz wurde ebenfalls, allerdings gegen seinen Willen, Mitglied in der Gesellschaft Jesu, er verließ den Orden jedoch wieder und starb 1666 als kurfürstlicher Hofratspräsident und Statthalter von Burghausen ohne männliche Nachkommen. Ernst Benno, der Vater unseres Alberts, setzte als einziger den Mannesstamm fort. Er starb, wie sein Bruder ebenfalls 1666, als kurbayerischer Kämmerer und Pfleger von Erding.

Die bedeutendste Karriere machte der erstgeborene Sohn Ferdinands, Franz Wilhelm - also ein Onkel des hier zu betrachtenden Albert Ernst. 1593 geboren, gelang ihm eine steile geistliche Laufbahn, die ihn nach Studienjahren am Collegium Germanicum in Rom - eine Station seines Lebens, die auch für seinen Neffen Albert Ernst noch Auswirkungen haben sollte - auf die Bischofsstühle in Osnabrück (1625), Minden (1629), Verden (1630) und schließlich Regensburg (1649-1661) führte. Nicht zuletzt seine guten Verbindungen zu Fabio Chigi, dem nachmaligen Papst Alexander VII. , sowie seine politischen Tätigkeiten brachten es mit sich, daß Franz Wilhelm 1660 auf Vorschlag Kaiser Leopolds I. den Kardinalspurpur erhielt.

Als Regensburger Bischof und Kardinal sollte Franz Wilhelm im Leben seines Neffen Albert Ernst noch wichtige Weichenstellungen vornehmen. Seine schützende und durchaus fördernde Hand zeigte sich schon, als der junge, erst 14jährige Albert 1649 gleichzeitig mit der Einnahme des Regensburger Bischofsstuhles durch seinen Onkel dessen Kanonikat am Regensburger Domstift mittels päpstlicher Verleihung erhielt.

Im Herbst 1654 schickte dann der Regensburger Oberhirte seinen Weihbischof Sebastian Denich zur längst fälligen "visitatio ad limina apostolorum", zum Rechenschaftsbericht also, an den Heiligen Stuhl. Franz Wilhelm nutzte die Gelegenheit, um zusammen mit dem Weihbischof seinen Neffen, den er inzwischen auch zu seinem Koadjutor als Propst von St. Cassian in Bonn gemacht hatte, in die Stadt am Tiber reisen zu lassen. Albert sollte dort - wie ehemals der Onkel - seine Studien am Collegium Germanicum vertiefen und beenden. Nach einer ca. fünfwöchigen, sehr beschwerlichen Reise, bei der man zwischen Trient und Venedig durch den Unfall eines Gepäckwagens noch aller Papiere, darunter vieler Empfehlungsschreiben, verlustig gegangen war, langten beide am 8. November in Rom an.

Wie wir aus den Briefen Denichs an seinen Auftraggeber in Regensburg wissen, hatte Albert der Reise und dem bereits am 9. November, also am Tag nach der Ankunft, erfolgten Eintritt in die Hochschule mit sehr gemischten Gefühlen entgegengesehen. Er scheint sich aber im Collegium gut eingeführt zu haben. Während des Romaufenthalts Denichs führte dieser den jungen Bischofsneffen in wichtige römische Kirchenkreise ein. Sie besuchten u.a. Kardinal Chigi, der bald darauf Papst werden sollte, sowie den General der Jesuiten.

Die Förderung durch den Onkel ging aber noch weiter. Am 3. August 1661, nur wenige Monate vor dem Tod Franz Wilhelms am 1. Dezember dieses Jahres, wurde Albert Mitglied des Domkapitels in Regensburg. Da im gleichen Zeitraum der langjährige Generalvikar und Suffragan Sebastian Denich, nach seinen eigenen Worten von seinem Bischof zur Resignation, also zur Aufgabe seiner Ämter und Würden, gezwungen worden war, plante der greise Franz Wilhelm möglicherweise, seinen Neffen zum Koadjutor zu bestellen. Jedenfalls kaufte der neue Domkapitular Albert noch 1661 den ehemaligen Domherrenhof Denichs (heute Domplatz 4, Maria Läng Kapelle), den er einige Jahre später umbauen ließ, was uns noch beschäftigen wird.

Am 16. Mai 1662 erhielt Albert die Priesterweihe und wurde ein Jahr später kaiserlicher Hofprediger in Wien (Capellanus Imperialis). 1686 schlug man ihn in Regensburg als Nachfolger des verstorbenen Franz Weinhard zum Weihbischof und Administrator in geistlichen Dingen (in spiritualibus) für den damals erst 16jährigen Wittelsbachersohn Joseph Clemens, Bruder des Kurfürsten Max Emanuel, der den Bischofsstuhl einnehmen sollte, vor. Allerdings dauerte es zwei Jahre, bis am 15. Mai 1688 die lang erwartete Confirmationsbulle eintraf, die Albert gleichzeitig auch zum (Titular-)Bischof von Laodikeia in Syrien bestimmte.

Auf den Tag genau 26 Jahre nach seiner Priesterweihe wurde er vom Eichstätter Weihbischof Franz Christof von Bulderstein mit Assistenz der Äbte Johannes von Weltenburg und Georg von Frauenzell im Regensburger Dom zum Bischof gesalbt. Dieses Amt, das er insgesamt 27 Jahre innehaben sollte, füllte er vom ersten Tag an mit rastloser Tätigkeit aus, in frommer und eifriger Pflichterfüllung und zum Nutzen der Diözese, die sich nach den Wirren des 30jährigen Krieges, dessen Spuren noch überall sehr deutlich bemerkbar waren, in einem ziemlich schlimmen Zustand befand.

Neben einer umfänglichen Weihe- und Visitationstätigkeit fällt sein auch für diese Zeit außergewöhnlich ausgeprägtes Bemühen um die Verehrung von Heiligen auf. Sowohl bekannten Regensburger Heiligen wie Emmeram und Erhard als auch unbekannteren, wie dem Seligen Friedrich, einem Regensburger Augustiner-Eremitenlaienbruder, und dem seligen Albert zu Oberaltaich, versuchte der Suffraganbischof die ihnen gebührende Ehre angedeihen zu lassen. Ganz im Zuge der Zeit liegen Alberts unerschütterliches Vertrauen zu Reliquien und seine intensive Förderung des Wallfahrtswesens. Die Marien-Verehrung in verschiedenen Formen (Maria-Hilf) erlebte in der Oberpfalz im 17. Jahrhundert geradezu eine Renaissance, die sich auch im Wirken Alberts widerspiegelt. So ließ er etwa das romanische Mutter-Gottes-Bild in der Niedermünsterkirche wieder aufstellen und brachte gleichzeitig dazu, nämlich 1674, eine erläuternde und werbende Schrift heraus mit dem Titel: "Schatzkästlein der seligsten Jungfrauen. Maria aus Sion, Ursprung der wunderbarlichen Stiftung der Kirche Unserer Lieben Frauen zu Niedermünster". Dies ist im übrigen die einzige Schrift Wartenbergs, die auch gedruckt wurde. Seine Hauskapelle, die heutige Maria Läng Kapelle, gestaltete er in den Jahren 1675-78 zu einem marianischen Heiligtum um.

Daß seine Sorgen um die Diözese genauso wie sein Glaube wirklich Herzenssache waren, bewies der Weihbischof, als 1713 in Regensburg eine Pestepidemie ausbrach, die angeblich 7.857 Menschen hinwegraffte. Die Vornehmen und Reichen flohen aus der Stadt, die bischöfliche Kurie wurde nach Wörth verlegt. Nur der bereits greise Weihbischof harrte in Regensburg aus und stand den Todkranken und Sterbenden mit Rat und Tat zur Seite. In dieser Notzeit gelobten die Bewohner von Stadtamhof den Bau einer Dreifaltigkeitskirche auf dem Osterberg; die Albert Ernst 1715 weihte.

Nur kurze Zeit später, am 9. Oktober dieses Jahres, starb Albert Ernst im Alter von 79 Jahren und wurde im Dom beigesetzt. Gerade sein Verhalten in der schweren Pestzeit zeigt, daß der ihn rühmende Wortlaut seiner Grabinschrift nicht nur eine leere Floskel darstellt. Auf dem Grabstein des Bischofs, der seit 1699 auch Propst des Kollegiatsstiftes St. Johann in Regensburg war, steht zu lesen: "Oculis fuit caeco, et pes claudo. Pater erat pauperum", er war also für die Blinden das Auge, für die Lahmen der Fuß und er galt als Vater der Armen.

Wartenberg als Historiograph

Neben theologisch ausgerichteten Werken verfaßte der Weihbischof auch historische Schriften, bei deren Entstehung aber stets wissenschaftliche und religiöse Motivation zusammenfielen. Sehr intensiv beschäftigte sich Albert mit der Frühzeit seiner Bischofsstadt. Sein 1688 vollendetes Werk "Ursprung und Herkommen. Der Vormahls Herrlich- und Königlichen Haupt Statt Noreja ... anjetzo Regens-Burgg" beschreibt auf 400 Folioseiten die frühe Entwicklung Regensburgs sowie die Anfänge der christlichen Religion in Bayern.

Die Darstellung beginnt mit der Einwanderung des Tuisco, Sohn des Japhet, Enkel Noahs und Stammvaters der Deutschen, in das spätere Bayern. Seinen lateinischen Namen Noricum hat das Land von Norim, dem Enkel des ägyptischen Königs Oritz, der die Kultur ins Land gebracht hat. Vor dem Hintergrund der alttestamentarischen, schließlich der römischen Geschichte läßt Wartenberg den Ursprung und die Anfänge seiner Bischofsstadt Gestalt werden. Er beendet seine Ausführungen mit dem letzten heidnischen Herzog im Nordgau, Garibald II., dessen Sohn, Theodo III., das Christentum in Bayern wieder einführte.

Obwohl sich der Bischof bei seiner Untersuchung auf umfangreiche historiographische Literatur sowie erzählende Quellen stützte und er mit den modernsten kritischen Forschungsansätzen seiner Zeit vertraut war, wie sie die Herausgeber der Acta Sanctorum in der Nachfolge von Jean Bolland (†1665) entwickelten, blieb er dennoch weitestgehend in den sagenhaften und legendarischen Spekulationen der nachmittelalterlichen Historiographie gefangen. Es war auch nicht seine Absicht, eine kritische Geschichte der Stadt Regensburg oder Bayerns zu schreiben, vielmehr ging es ihm darum, seine Zeitgenossen über die exemplarischen Taten ihrer Vorfahren in Glaubensdingen zu belehren und ihnen die aus dem Vorbild des antiken Christentums erwachsenden Verpflichtungen vor Augen zu führen. Im Vorwort seiner Schrift skizzierte Wartenberg sein Vorgehen folgendermaßen: er wolle "des christlichen allain selig machendten glauben erster gründlichen uhrsprung, fortsetzung undt wunderbarliche aufnemung" beschreiben.

Wichtig war ihm, einen zeitlich sehr frühen Bezug des christlichen Glaubens zu Regensburg belegen zu können. In guter, noch mittelalterlicher Manier sind Heilsgeschichte und lokale Historie auch bei ihm von Anfang an durchwoben. Bedeutsam ist dabei, daß Wartenberg Wert darauf legte, diese Verbindung des apostolischen Christentums mit Regensburg nicht nur als etwas Vergangenes darzustellen, sondern zu zeigen, daß sie auch noch im wahrsten Sinne des Wortes in seine Gegenwart hineinragt, sich in ihr noch materiell manifestiert.

Die römische Stadt Regensburg erstreckte sich für Wartenberg von Regenstauf bis Burgweinting. Tore schlossen ihre Gassen gegeneinander ab. Zur Zeit der Kreuzigung Christi waren "am Thor zu den Franziskanern oder Minoriten zu St. Salvator" (gemeint ist hier das wegen der verfärbten Kalkstein so genannte 'Schwarze Burgtor' im Osten der Stadt, die ehemalige römische Porta Principalis Dextra) Bauarbeiten im Gange. Als zur Sterbestunde Jesu sich auf der gesamten Erde die Sonne verdunkelte, wie der Evagelist Lukas schreibt, konnten die Bauleute nichts mehr sehen und ließen deswegen "einen Balkhen von dem Gerüst in dem gemeur." Nach seinen Aussagen hat nun Wartenberg diesen Balken selbst noch gesehen, als der Torturm zu seiner Zeit abgetragen wurde.

Der erste Kontakt Regensburgs mit der christlichen Religion erfolgte, nach Wartenberg, nur kurze Zeit nach der Himmelfahrt Christi. Bereits zwei Jahre später sei nämlich ein Lucius mit den Heiligen Apelle und Lupus "in diße statt Augustam Tiberii oder Regensburg ankommen ... umb den Christlichen glauben alhier zu Predigen, welches ihm von dem landthaubtman Flavio Fabiano gern soll vergünnet worden sein."

Wartenberg Vorstellungen waren nun keineswegs seine eigenen freien Erfindungen, er verarbeitete hier vielmehr Vorgaben der älteren Historiographie Bayerns, in der Regensburg, Augusta Tiberii, als eine Gründung des römischen Kaisers Tiberius angesehen wurde. Mit diesem Gründungsmythos rückte man Regensburg in die Reihe antiker Kaisergründungen, eine Tatsache, die für das Selbstverständnis der Stadt im Mittelalter und darüber hinaus von großer Bedeutung war.

Auch die von Wartenberg beschriebene Missionstätigkeit eines Lucius stellt einen Rückgriff auf ältere Überlieferung dar. Nach der Meinung des "Vaters der bayerischen Geschichtsschreibung", Johannes Aventinus [s. S. ] hätten nämlich die Heiligen Markus und Lucius von Cyrene das Christentum nach Passau bzw. Regensburg gebracht. Lucius wiederum sah man als einen Schüler des Hl. Paulus, der "den christlichen glauben predigt durch das ganz wait prait römisch reich von Jerusalem auß gering herumb pis an die Donau" (Aventin).

Wartenberg weist auch sehr pointiert daraufhin, daß Lucius durch Petrus zum Bischof von Laodikeia geweiht und eingesetzt worden sei. Damit stellt sich der Schriftsteller, der seit 1688, wie wir wissen das Erscheinungsdatum der hier zitierten Schrift, Titularbischof von Laodikeia war, selbst in die direkte Nachfolge des Regensburger Glaubensboten. Der an der Missionsreise ebenfalls beteiligte Lupus findet sich in frühen - fiktiven - Regensburger Bischofskatalogen als antiker Bischof der Stadt.

Seine Grundaussage, daß Regensburg bereits in apostolischer Zeit dem Christentum erschlossen worden sei, entwickelte der Weihbischof nun nicht erst in der 1688 fertiggestellten Schrift 'Ursprung und Herkomen', vielmehr finden sich dafür erste Hinweise schon einige Jahre vorher, nämlich in dem bereits erwähnten, 1674 gedruckten Traktat "Schatzkästlein der seligsten Jungfrauen. Maria aus Sion". Hier heißt es: "Und ohne Zweifel, daß bald nach Christi Auffahrt der christliche Glaube schon seye in Regensburg gewesen / von Christi Jüngern selbst gepredigt." Als Beweis hierfür führt unser Autor nun nicht nur Belege aus der älteren Literatur an, sondern - und das ist gleichsam eine Innovation in der Geschichtsforschung - Funde von "brochnen großen Ziegeltrümmern / mit welchen man die Gräber zugemacht."

Das heißt, Wartenberg arbeitet mit materiellen Überresten, denen einerseits Zeugnischarakter, andererseits aber auch eine Brückenfunktion zugewiesen wird. Sie verifizieren einerseits die von Wartenberg beschriebene frühchristliche Wirklichkeit, sie verbinden sie aber auch sozusagen sichtbar und faßbar mit der zeitgenössischen Stadt.

Der Weihbischof als Bodenforscher

Die erwähnten "Ziegeltrümmer" sind nicht die einzigen materiellen Hinterlassenschaften, die angeblich aus der Zeit der Christianisierung Regensburgs erhalten geblieben waren und die der Weihbischof selbst nun nach Jahrhunderten des Verborgenseins dem Dunkel der Vergangenheit entrissen haben wollte.

Wie bereits erwähnt, ließ Albert in den Jahren 1674-78 den von Sebastian Denich erworbenen Kanonikalhof umbauen. Beim Abriß einer baufälligen Kapelle grub man tiefer nach unten und stieß auf ein "viregtig pflaster von quatterstücken". Darunter tauchten Gänge auf, die weiter in die Stadt zu führen schienen und die "an unterschidlichen orthen klaine gemacher" hatten. Unter seinem Domherrenhof wollte Wartenberg darüber hinaus "aine mänge zerbrochene gebrochene grabstain" und weitere Fundstücke, auf die ich gleich noch eingehen werde, entdeckt haben. Fast gleichzeitig mit Wartenbergs Entdeckung unterirdischer Gänge brach bei der Dompropstei die Kutsche eines Gesandten am Reichstag in das Pflaster ein und nahe St. Kassian öffneten sich unterirdische Gewölbe.

All dies führt nun der in dieser Hinsicht sehr schwärmerische Weihbischof in seinem 1688 abgeschlossenen Geschichtswerk expressis verbis mit seinen Vorstellungen des frühchristlichen Regensburg zusammen. Und so werden aus den von ihm entdeckten, wohl in Wirklichkeit mittelalterlichen Kellern - bei denen Verbindungen zwischen den einzelnen Häusern durchaus üblich waren, wie man jüngst auch bei den archäologischen Befunden am Neupfarrplatz sehen konnte - Hinweise auf christliche Begräbnisstätten, die in einem verzweigten unterirdischen System die ganze Stadt durchzogen. Katakomben also, wie sie - nach Wartenberg - in der Zeit des Hl. Lucius auch in Straubing und Wien eingerichtet worden seien. Auslösendes Moment für die Spekulationen Wartenbergs war sicherlich die Kenntnis unterirdischer frühchristlicher Begräbnisplätze durch seinen Studienaufenthalt in Rom. Im ausgehenden 16. Jahrhundert waren dort mehrere derartiger Anlagen wiederentdeckt und systematisch erforscht worden. Der junge Wartenberg hatte seine Kenntnisse darüber durch die Lektüre des Werkes von Paul Arringhi "Roma subterranea", das 1651 erschienen war und seit 1668 auch in einer deutschen Übersetzung vorlag, vertieft. Er war also für derartige Funde, wie man heute sagen würde 'sensibilisiert'.

Auf den "gebrochenen Ziegeltrümmern", die Wartenberg in den Gängen auffand, glaubte er nun, Palmen und andere als christliche gedeutete Symbole eingeritzt zu erkennen. Er interpretierte die Ziegel deswegen als Grabsteine christlicher und für ihren Glauben gestorbener Legionssoldaten, die bereits seit der Zeit des Kaisers Antoninus Pius, also seit der Mitte des 2. Jahrhunderts, zu Tausenden den Christenverfolgungen anheim gefallen wären. Zwar sind im Originalmanuskript Wartenbergs die im Text angekündigten Zeichnungen der Ziegel nicht mehr erhalten, wir finden sie aber in dem Auszug der Schrift für das Niedermünster-Stift sowie in der auf uns gekommenen vollständigen Abschrift.

Obwohl bereits 1776 Plato-Wild und 1800 der Regensburger Chronist Theodor Gemeiner die Existenz der christlichen Symbole auf den Wartenberg'schen Funden verneinten, sind noch 1874 in der "Geschichte der Einführung des Christentums in Süddeutschland" von A. Huber Umzeichnungen der Wartenberg-Ziegel abgedruckt, auf denen die christliche Symbolik deutlich ausgeprägt ist. Angeblich gelangten die Originalziegel des Bischofs in den Besitz des Historischen Vereins, allerdings sieht A. Ebner 1893 in seinem Aufsatz über "die ältesten Denkmäler des Christentums in Regensburg" die Originale bereits als verloren an. In der von Wartenberg anstelle der Katakomben eingerichteten Gedächtniskapelle, der Gruft Sancti Salvatoris, habe man, so Ebner, in jüngster Zeit nur Ziegel mit schwer leserlichen Stempeln der III. Italischen Legion gefunden.

Mit diesem Hinweis dürfte Ebner auch in die richtige Richtung zielen, denn, so weit wir die Funde Wartenbergs deuten können, war der Weihbischof wohl auf römische Ziegelplatten gestoßen, wie sie unterhalb des mittelalterlichen Horizontes im Boden Regensburgs häufig angetroffen werden. Im Überschwang des Finders, der vom christlichen Glauben beseelt war, deutete er die auf den Ziegeln befindlichen Herstellerstempel (u. a. der III. Italischen Legion) als christliche Symbole, wie er sie von den Verschlußplatten der loculi in den römischen Katakomben kannte.

Aber die angeblichen Grabplatten waren noch nicht alle Funde Wartenbergs. Der Bischof fährt nämlich in seiner Schrift "Ursprung und Herkommen" mit der Aufzählung fort. Er, der sich selbst als "erfarnen der apostolischen antiquiteten undt erfarnen liebhaber" bezeichnet, nennt "Cherubin von erdten gebachen" und führt, daran anschließend, weitere dieser "christlichen apostolischen antiquiteten" an. Wichtigste Stücke, "was allen verständigen der Römischen Christlichen antiquiteten allen zweiffel nemen soll, undt klärlich der Apostolischen Capellen heilikeit undt gewißheit vorweisen und bestätten kann", sind dabei "drey zertrümerte kelch von glaß mit figuren geschmälzt, wie zu gar ersten zeiten der Hl. Petrus und zu Rom gebraucht".

Die Zeichnungen im Originalmanuskript sowie in den Kopien geben dazu zwei Kelche wieder, auf einem ist eine Verkündigungsszene, auf dem anderen die Übergabe des Schlüssels an Petrus abgebildet. Eine Zuordnung zu erhaltenen Stücken scheint nicht möglich. Zusätzlich zu diesen Kelchen will Wartenberg sodann noch gläserne Hostienteller gefunden haben.

Mit diesen "gläserner Patenen" werden nun heute noch ein etwa zu zwei Drittel erhaltenes antikes Goldglas zusammen mit einem ebensolchen, nur mehr sehr fragmentarisch überkommenen Fundstück in Verbindung gebracht. Beide befinden sich im Bayerischen Nationalmuseum in München, Kopie davon zeigt die Römerabteilung des Historischen Museums Regensburg. Die Stücke kamen 1863 aus Schloß Tüssling in Oberbayern, wohin sie nach dem Tod Wartenbergs 1715 verbracht worden sein sollen, nach München. 1892 ordnet sie G. Hager im Katalog des Museums zusammen mit zwei Reliquiaren Wartenbergs archäologischen Unternehmungen in Regensburg zu.

Die Glasstücke sind sogenannte Zwischengoldgläser, bei denen aus Goldblatt geschnittene Bilder oder Ornamente zwischen zwei Glasscheiben eingeschmolzen wurden. Originalfunde von außerhalb Italiens liegen praktisch nicht vor; der größte Teil der heute nördlich der Alpen befindlichen Stücke dürfte erst, wie neuere Forschungen deutlich machen konnten, im Zuge des mittelalterlichen Reliquienhandels über die Alpen gekommen sein. Deswegen hegt man schon längere Zeit Zweifel an der Echtheit der Regensburger Funde.

Es bietet sich an, eine Verbindung zwischen den Goldgläsern und dem Aufenthalt Wartenbergs in Rom zu ziehen. Dort hatte er Kontakt zum zeitgenössischen Reliquienhandel, da es zur Aufgabe seines Reisebegleiters, Weihbischof Denich, gehörte, Reliquien für zerstörte oder entweihte Kirchen und ganze heilige Leiber für ausgeraubte Klöster zu besorgen. Außer verschiedenen kleineren Reliquien erwarb Denich die Leiber der Heiligen Adrian und Aurelius, letzterer überstand allerdings den Transport nach Regensburg nicht.

Letztendlich muß es jedoch Vermutung bleiben, ob der Neffe des damaligen Regensburger Bischofs, der nachmalige Weihbischof Albert, etwa bereits damals die Goldgläser kaufte, die er dann Jahre später im Untergrund seines Kanonikalhofes gefunden haben wollte.

Eine dahingehende Annahme hieße, den Weihbischof der absichtlichen Täuschung zu bezichtigen. Es bietet sich aber auch ein weniger ehrenrühriger Ausweg an: möglicherweise haben nämlich die zwar aus wartenbergischem Besitz stammenden Goldgläser des Bayerischen Nationalmuseums gar nichts mit den angeblich römischen Funden des Bischofs in Regensburg zu tun. Denn weder in den Beschreibungen noch in den Zeichnungen des wartenbergischen Manuskripts läßt sich die Darstellung, wie wir sie auf einem der fraglichen Goldgläser finden, nämlich Petrus und Paulus mit Namensumschrift, zweifelsfrei wiedererkennen. Vielleicht erfolgte die Zuschreibung also erst durch den Kustos der Sammlung des Nationalmuseums in einer sozusagen Überinterpretation der ihm vorliegenden Schilderung der wartenbergschen Entdeckungen.

Allerdings bleibt auch damit immer noch die Frage offen, ob Wartenberg denn nun eigentlich wirklich Kelche und andere Gegenstände unter seinem Domherrenhof fand. Und wenn ja, welcher Zeitstellung sie angehörten.

Apostolisches Regensburg

Insgesamt interpretiert Wartenberg die Katakomben zusammen mit aufgefundenen christlichen Märtyrergräbern nebst Grabsteinen sowie die angeführten Kleinfunde als Beweise für das Wirken der Apostel in Regensburg.

Da er in den Kelchen Gefäße erkennt, die "dem höchsten bischoff vorbehalten wordten", kommt er schließlich zu folgendem Schluß: der Apostel Petrus "ist endtlich in gesambt mit seinen gefärten ... in das königreich Nortgau undt dero haubtstatt Noreia, nun Augustam Tiberii ankomen, albo ehr schon die heiligen Jünger Christi, Lucium Apellem und Lupum, undt ain grosße anzal der bekerten zum christlichen glauben gefunden."

Wartenberg konstruiert also ein lebendiges antikes Christentum in Regensburg bereits zur Zeit der Apostel "aldieweilen di jünger Christi und die apostel Petrus, Paulus, Thomas undt Andreas, Marcus und sein freundt Barnabas, Jacobus der evangelist undt andere" das Meßopfer hier feierten.

Durch die Funde, die er selbst in seinem Kanonikalhof tätigte, werden die vagen Hinweise, die Wartenberg verstreut in der vorhandenen historiographischen Literatur fand, für ihn somit zur Gewißheit. Gleichzeitig ragt der christliche Glaube der Bekenner wie der Begleiter Christi direkt, d.h. materiell in die Zeit Wartenbergs.

Was man trotz aller Kritik an den Phantasien des Weihbischofs unter forschungsgeschichtlichem Aspekt betonen muß, sind die hier spürbaren Ansätze einer neuen Rolle, die materiellen Hinterlassenschaften in der Darstellung der Vergangenheit zugewiesen werden. Bodenfunde, egal ob nun wirklich römisch oder einer anderen Epoche zugehörig, sind für den Weihbischof des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts Anreger und Beweis für seine historischen Theorien. Dies ist auch der Punkt, der die "Phantasien und Träumereien des Weihbischofs", wie Ferdinand Janner 1883 in seiner Geschichte der Bischöfe von Regensburg die Ausführungen Wartenbergs abfällig bezeichnet, zu einer beachtenswerten Station innerhalb der Erforschung des römerzeitlichen Regensburg werden läßt.

Stand: VII 98